Reisetagebuch
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09 March
fest in celle, einem verlassenen dorf
02 March
mondschein und kerzenlicht
mondschein weil der mond durch das mittelrund der yurte hereinscheint und kerzenlicht, weil ich mal wieder alle in der batterie gespeicherte sonnenenergie am computer aufgebraucht habe.
und so rücken die dinge ins rechte licht...
erst dachte ich, was für ein einfaches leben ich hier doch führe, rauhe hände, schlamm an den schuhen, holz sägend, trinkwasser an quellen abfüllend, regenwasser fürs waschen auf dem holzofen heissgemacht, unter der spüle ein eimer zum draussen ausleeren, elekrizität für ein paar stunden am tag, die toilette im wald und eine zu verkompostierende angelegenheit, schlafzimmer unbeheizt.... und so weiter... aber wenn ich es mir genauer anschaue: was für eine fülle, alles notwendige ist da und funktioniert. nur den allerwenigsten menschen auf dieser erde würden diese lebensumstände einfach oder karg oder unbequem oder gar armseelig erscheinen. 40% der weltbevölkerung hat keinen zugang zu sauberem trinkwasser, 60% leben von unter einem dollar am tag... zwei oder gar drei mahlzeiten am tag, medizinische hilfe, bildung, oder auch nur das notwendigste, dass man eben braucht zum überleben, das ist für die allermeisten menschen nur ein schöner traum, meistens ein lebenslang unerfüllter traum.
es wird solangsam auch dem letzten immer klarer: globalisierung ist institutionalisertes verbrechen gegen die menschheit, in den heutigen sogenannten modernen zeiten werden noch immer menschen praktisch versklavt und die erde ausgebeutet von dominierenden kräften der sogenannten freien welt. die neue rechtfertigung heisst freier markt. wenn ich mir vorstelle, dass die meisten menschen dieser erde in auswegslos bitteren situationen leben, dass armut immer noch wächst, dass der schnitt zwischen arm und reich immer noch grösser wird, dass soviele menschen immer noch hunger leiden, dann verstehe ich wirklich die welt nicht, das ist mir unbegreiflich. es ist eine riesige katastrophe, ein vom menschen erschaffenes, vom profitmachen angetriebenes und alles auffressendes monster, das immer grösser und komplexer wird in seinen beutezügen und das dabei lächelt. die meissten menschen leben in einer ungerechten und harten welt, unser komfort im reichen teil der welt geht auf kosten des ärmeren. mehr oder weniger gut maskiert.
es ist so erschreckend, aber ich verzeifle nicht darüber, das wäre ja auch zu einfach. ich will einfach nur anders leben, anders sehen.
also was sind denn dinge, die wir tun können? soviele sagen zu oft, da ist ja nix, was ich tun kann... das ist ganz und gar nicht der fall, es gibt tausend wege, etwas zu verbessern.
zum beispiel recycling: müll trennen und ganz vermeiden, kompost machen, jemanden finden, der einen garten hat und kompost braucht, wiederaufladbare batterien, medikamente und chemikalien korrekt entsorgen...
zum beispiel konsumieren: gute produkte kaufen, man kann sie nach langem suchen finden zwischen den millionen nutzlosen dingen, ein paar wenige produkte, die auf langlebigkeit und reparaturfähigkeit ausgerichtet sind, es sind nicht viele... schauen, wo die dinge hergestellt sind und billigprodukte einfach nicht mehr kaufen, h&m oder tschibo boykottieren, wenn man dann einmal weiss unter welchen bedingungen die in bangladesch hergestellt werden. konsumenten haben eine wahl und eine kraft.
unabhängige medien benutzen, um sich zu informieren. sich ein eigenes bild machen.
nachbarschaften einen sinn geben...
verlangsamen, so dass die bewegungen eines käfers wieder spannend sein können, nicht nur der abendliche krimi im fernsehen.
autos teilen, gemüse pflanzen, neues erfinden, kreeiren, vom weg abgehen, erkunden, aufwachen, lebendig sein, das unbekannte im alltäglichen suchen, lächeln verschenken auf der strasse, verrückt sein, grosszügig, glücklich ohne einen besonderen grund, oder traurig und willens es ganz zu spühren, sich wirklich begegnen, verletzlichkeit zeigen, konstruiertes zerstören, wild wachsen........
hier ist es frühling seit mitte februar. die leute sagen, ach so spät! und du hattest kein glück, es war ein harter winter dieses jahr... jetzt blühen die mandelbäume und die mimose, frisches gras wächst und die ersten blumen, wilde calendula. wir sitzen draussen mit sonnenhut...
17 February
sturm
der sturm dauerte drei tage und nächte. jetzt kann ich wirklich sagen, ich bin ganz schön durch den wind. ich war darauf vorbereitet und mir auch bewusst, dass eine yurte in ihrer flexiblen bauart sehr stabil ist obwohl sie sich im sturm bewegt. trotzdem war ich drei tage und nächte innerlich sehr angespannt und beunruhigt, es ist eine tiefsitzende urangst, den kräften der natur ausgeliefert zu sein. und wenn der wind wie in wellen immer und immer von neuem von fern beginnend langsam anschwellend durch den wald angesaust kommt, lauter und lauter werdend, dann mit grossem getöse gegen die yurte stürmt, am tuch reisst, das holz knarren lässt und sogar an den bodenbrettern zieht, weil an denen das mittelrund des daches befestigt ist... ich konnte wirklich nicht viel anderes machen, um mich abzulenken, nur warten, irgendwie mit meiner angst, nervosität und sorge klarkommen.
jetzt ist der sturm vorbei, die natur ist wieder wunderbar friedlich und sanft, und ich erhole mich auch. es sind nur ein paar tage sturm, und zwei dreimal ein paar tage unter null grad mit ein bisschen puderschnee, ansonsten ist der winter hier mild und sonnig. unten im tal holen die menschen wintergemüse aus ihren gärten, es hängen noch jetzt im februar orangen und mandarinen an den bäumen und im sommer wachsen feigen, kiwis, avocados, granatäfpel und zitronen, oliven und esskastanien... ein paradies, nur gibt es ein wasserproblem. und wie in vielen orten der erde verschlimmert es sich seit ein paar jahren rapide. im frühling, sommer und herbst regnet es fast gar nicht und viele quellen und flüsschen trocknen aus. hier in la source, dem zuhause von kiet und sandra, meinen beiden freunden, die gerade für drei monate in vietnam sind und die die yurten gebaut haben, gibt es kein wasser, also sammeln sie regenwasser gefiltert in eine zisterne, aus der es dann zum wasserhahn in die yurte geleitet wird. trinkwasser fülle ich an einer quelle in viele container und bring diese mit dem auto hier hoch. man würde vielleicht denken, oh je wie umständlich, aber ich erlebe, wie gut es tut, wasser als kostbarkeit wahrzunehmen. es ist tatsächlich soviel befriedigender, mit wasser unendlich sparsam umzugehen, als es im überfluss zu gebrauchen. einfallsreichtum macht es möglich mit immer weniger und weniger wasser auszukommen. viele menschen hier haben trockentoiletten und ihre selbst angelegten wasseraufbereitungsanlagen für ihr nutzwasser. in teichen wird das wasser auf natürliche weise von pflanzen und mineralien gereinigt, indem es von einem teich langsam zu einem anderen fliesst. dieses bewusstsein für die ressourcen der natur ist so wichtig, nur ist es schwer in einer stadt lebend damit in kontakt zu sein. (meine liebe frendin miri sammelt das badewannenwasser ihrer beiden mädchen, um es später für die toilette als spühlwasser zu benutzen. ich hab darüber erst gelächelt, aber jetzt bewundere ich ihre bemühung. es ist wirklich unglaublich, wie viel wasser man einfach so gebraucht, ohne darüber nachzudenken... wo kommt es her, wohin geht es, was passier mit dem wasser bevor es wieder gebraucht wird...) auch holz ist hier eins der kostbaren dinge. zwar gibt es holz im überfluss; ein freund sagte, dass hier eher der wald im begriff ist die menschlichen räume zu erobern als umgekehrt, aber mit holz nicht verschwenderisch zu sein, spart die eigenen kräfte. holz wärmt mindestens zweimal, einmal es zu sägen, zu schleppen, zu stapeln, und ein zweites mal wenn es im ofen ist...
und ich liebe die einfachheit eines solchen lebens mit dem land; es ist reduziert auf das, was mir wichtig scheint. im still sein ist mehr zu hören, im weniger wollen ist mehr zu finden.
manchmal ist es so gut und manchmal auch nicht leicht, so ganz allein mit sich zu sein. die aussicht auf die berge um mich herum finde ich wiedergespiegelt auch im innern, berge und höhen, täler und abgründe. jedenfalls ist alles eine frage des state of mind... jedes kleinste detail dieser welt ist durch die innere verfassung auf diese oder jene weise erfahrbar...
22 January
gleich rechts die kueche, dann der ofen, der aus einem jules vernes buch zu kommen scheint, dann, hinter dem hoelzernen paravan, das badezimmer, ein badezuber mit wasser und eine kleine badewanne..., dann da hinten, da wo die vielen decken haengen, ist der durchgang zur kleinen yurte. es ist ein bisschen wie in einem maerchen hier...
wenn ich aus der tür trete, sind da berge und wälder, und es ist so still; ich höre vögel zwitschern und den wind durch die bäume streichen, von fern manchmal einen bellenden hund, eine motorsäge oder ein auto und sonst nichts, nur stille. es ist so friedlich, wenn die zeit stillsteht, der moment aufplatzt und allen raum einnimmt, von diesem südlichen licht durchflutet.
07 January
angekommen im winterquartier oder warum es gut ist, immermal wieder auf komfort zu verzichten
es dauert ein paar tage, genauer gesagt ein paar sich nach wegrennen anfuehlende erste stunden und ein paar tage, in denen ich zwischen zweifeln und zuversicht schwanke. ein paar tage hinundhergerissenheit, irgendwo zwischen enthusiasmus und verzweiflung, bis die gedanken in meinem kopf sich beruhigen und das, was eben noch als unmoeglich beurteilt und gefuerchtet war, sich als moeglich und ganz harmlos herausstellt.
es muss nicht zwingend 20 grad zimmertemperatur in der grossen wohnyurte haben, damit ich mich wohl fuehle. in der kleinen schlafyurte ist es in einem grossen federbett tatsaechlich absolut wohlig und heiss, obwohl ich diese yurte ueberhaupt nicht beheize, und sie aussentemperatur hat. erst dachte ich, das koennte ich gar nicht, in einem solchen kuehlschrank schlafen, aber es ist voellig unproblematisch, und zeigt mir somit, wie komfort mich eingefangen, weich gemacht und eingeschlaefert hat. es ist schoen komfort zu geniessen, (und geniesst es wirklich! ...die heisse dusche am morgen...) aber ich moechte so wenig wie moeglich von komfort abhaengig leben. deswegen sind diese uebungen gut, die den bereich in dem ich komfortable und entspannt leben kann (null grad schlafzimmertemperatur), ausdehnen.
....trotzdem... es ist nicht leicht und der moment, in dem ich im vom holzofen erhitzten badewannenwasser sitze, ist ein wirklich grandioser augenblick. so nah der natur, mit kalter luft, trockenem, gefrorenem gras, steinen, holz, wird alles einfacher und immer kostbarer.
ein paar abenddaemmerungsbilder der yurten und der aussicht auf die berge hier
laura am rhein in basel ganz frueh am morgen des zweiten reisetages.
16 December
quebec-winter
winterwald
mit benoit unterwegs
ich habe lange nicht soviel schnee gesehen. und hier ist das ganz normal zwischen dezember und märz, der schnee wird wohl auch in dieser zeit nicht schmelzen, es sind schon jetzt bis minus 18 grad tagsüber. an den strassenrändern türmen sich schneeberge, autos parken irgendwie dazwischen, sind oft völlig eingeschneit und die ausparkmanöver der einheimischen sind sehr gekonnt. benoit hat auch viel spass damit und mit dem rumrutschen und gleiten und drehen des autos bevor es wintereifen bekommt. aber selbst mit winterreifen bringt er es in schwierigkeiten...:) nachts werden in den städten dann parkverbotsschilder auf einer strassenseite aufgestellt und es kommen riesige maschinen und trucks, die den schnee abtransportieren zu schneedepots, die es überall gibt. benoit meint, der schnee dort ist bis juni noch nicht geschmolzen.
11 November
bloss nicht impfen!
lasst euch nicht verrückt machen! was für ein Theater...
27 September
umgebung
ich wohne nun schon seit einem monat hier im haus einer freundlichen und respektablen sehr alten dame, fuer die ich arbeite. jeden tag habe ich ein paar nachmittagstunden frei, und wenn ich nicht mit meinem laptop im cornhill pub in bridgwater apfelsaft trinkend das internet benutze, erkunde ich die umgebung. eine tolle seite dieses landes ist, dass es durchzogen ist von unzaehligen, durch kleine schilder ausgewiesene wander- und spazierwege. oft winzige wege, ueber felder und weiden, bei denen man wegen der tiere kleine schranken ueberklettern muss. die quantoxhills sind eine sehr schoene gegend, weite aussichten, huegel und wald, sandige wege. die waelder sind wie verzaubert, voller blaubeeren, es gibt viele sehr alte eichen, verwachsen und knorrig, in irgendwie perfekten, weit greifenden formen. die wurzeln sind moosbewachsen und verschlungen, oft finde ich einen weichen sitz, und dann sitze ich da, am fuss des baumes, und dieser ort, der kleine ausschnitt eines baumen, da wo dieser in die erde greift, ist eine ganze welt. wuerde mich nicht weiter ueber zwerge wundern, so voller magie ist die stimmung.
ich bin ganz begeistert von details, die wenigen meter um mich herum erscheinen mir wie etwas unendliches, so viel gibt es zu entdecken. das moos, das von nahem betrachtet ein eigener wald ist; die rinde des baumes, wie ein gebirge mit taelern und bergketten, unter deren oberflaeche das leben des baumes fliesst; die eicheln und die ersten trockenen herbstblaetter am boden, die eine ganze stimmung singen, das ende des sommers; ganz und gar in jedem einzelnen detail vorhanden, schon im geruch, den ich trinken moechte, so perfekt...
nicht nur in verspielt verzauberten momenten wie solchen im wald, auch wenn ich einfach nur in dem kleinen garten sitze, der zu meinem zimmer hier im haus der alten dame gehoert, manchmal kann ich die existenz all dessen, was ist, einfach nicht fassen, es ist so verwunderlich, das, was existiert, alles darin, auch das, was ich "ich" nenne... dieser moment des staunens ist kurios. heisst es doch, dass ich die existenz, in der ich bin, auch anschaue aus einer ganz anderen perspektive, aus einer art blickwinkel, der sich oft ganz unerwartet und nur fuer einen kurzen augenblick auftut. es ist eine eigenartige verfassung... von wo schaue ich?
02 September
gedicht
hier eins meiner lieblingsgedichte, weiter unten habe ich eine schnelle übersetzung ins deutsche versucht.
When Death Comes by Mary Oliver
When death comes
like the hungry bear in autumn;
when death comes and takes all the bright coins from his purse
to buy me, and snaps the purse shut;
when death comes
like the measle-pox
when death comes
like an iceberg between the shoulder blades,
I want to step through the door full of curiosity, wondering:
what is it going to be like, that cottage of darkness?
And therefore I look upon everything
as a brotherhood and a sisterhood,
and I look upon time as no more than an idea,
and I consider eternity as another possibility,
and I think of each life as a flower, as common
as a field daisy, and as singular,
and each name a comfortable music in the mouth,
tending, as all music does, toward silence,
and each body a lion of courage, and something
precious to the earth.
When it's over, I want to say all my life
I was a bride married to amazement.
I was the bridegroom, taking the world into my arms.
When it's over, I don't want to wonder
if I have made of my life something particular, and real.
I don't want to find myself sighing and frightened,
or full of argument.
I don't want to end up simply having visited this world.
wenn der tod kommt
wenn der tod kommt
wie ein hungriger bär kurz vorm winter
wenn der tod kommt und all seine blitzenden münzen aus der tasche nimmt
um mich zu kaufen, und er lässt die tasche zuschnappen;
wenn der tod kommt
wie ein eisbrocken zwischen den schulterblättern,
dann will ich voller neugier durch diese Tür treten, staunend:
wie wird es sein, dieses haus der dunkelheit?
und deswegen schau ich auf alles in bruderschaft und schwesternschaft,
und die zeit ist für mich nur eine idee,
und die ewigkeit halte ich für eine andere möglichkeit,
und jedes leben ist für mich eine blume, so gewöhnlich
wie ein gänseblümchen und so einzigartig,
und jeder name ist leichte musik im mund,
wie alle musik sich der stille zuneigend,
und jeder körper ist ein mutiger löwe und etwas
wertvolles für die erde
wenn es vorbei ist, will ich sagen, mein ganzes leben
war ich als braut mit dem staunen vermählt.
ich war der bräutigam, der die welt in die arme nahm.
wenn es vorbei ist, will ich mich nicht fragen
ob ich mein leben zu etwas besonderem und wirklichen gemacht habe.
ich will nicht seufzen und mich ängstigen,
oder mich mit gründen oder argumenten befassen.
ich will diese welt nicht einfach nur besucht haben.
23 August
la source
in den bergen des languedec national park vierzig kilometer vom mittelmeer entfernt findet das erste retreat von denis statt, der mich eingeladen hat, dieses mitzuorganisieren. es ist trocken und sehr heiss, die nächte warm und sternenklar. la source (die quelle) heisst ein stück land, auf dem kiet und sandra und ihr gerade geborener sohn dalai in zwei yurten wohnen. so ein schönes zuhause, aus einfachen materialien von handwerkskunst geschaffen, so ausreichend in dieser mediteranen klimazone. die yurten sind sehr gross und hell, da sie mehrere fenster haben. regenwasser sammelt sich in einer zisterne, im garten wachsen vorallem verschiedene sorten tomaten und kräuter. alles findet hier draussen statt, essen, schlafen, duschen. inzwischen bin ich von häusern und wohnungen entwöhnt und als ich an meinem letzten tag in frankreich noch einen freund in der nähe von carcassonne besuche, bauen wir uns ein zelt auf für die nacht und schlafen nicht im haus. morgens dann frische feigen vom baum, haselnüsse vom strauch und brombeeren zum frühstück...
die meditationshalle, eine yurte mit einer immergrünen eiche in der mitte
tomaten aus dem garten
dininghall
eine behausung
wir alle und das köstlichste essen
ein sommer im freien
sechs wochen in frankreich, angefangen in hervault, einem oberton festival. zwischen tipis, yurten, domen und anderen zeltformen, wagen und lkws, unter riesengrossen zedernbäumen wurde dort von den menschen wunderbare musik gemacht, steinskulpturen aufgestellt, ein windrad und solaranlage installiert, ein baum gepflanzt, tee getrunken (auf dem festival war alkohol verboten, was alles sehr angenehm machte), ich habe drei tage lang gemeinsam mit unzähligen anderen händen an einem eichenstamm geschnitzt und in einem der ganz grossen tipis dem herzschlag zugehört, der dort während der ganzen drei tage und nächte ohne unterbrechung getrommelt wurde.
dann nach cubjac das yatra vorbereiten, in dem dann zehn tage später fast hundert menschen zwischen eineinhalb und sechsundsiebzig jahren durch die dordogne wanderten. selbst im sechsten jahr, das ich am yatra teilnehme, und im vierten jahr meiner mitorganisation des ganzen, kann ich es immer noch nicht ganz fassen, dieses verrückte unterfangen ein ganzes camp morgens abzubauen, einzupacken, zu transportieren und in einem anderen feld an einem anderen see wieder aufzubauen, mit zwei grossen dächern, eins für die küche und eins als unterschlupf für den fall dass es regen oder nicht genug schatten gibt. wie glücklich es menschen macht, in der natur zu sein, in flüssen und seen zu baden, im morgennebel durchs nasse gras zu gehen und still als ein grosser tausendfüssler durch wälder und felder zu wandern. was zwischen himmel und erde ist zu hause zu nennen, nicht mehr zu brauchen als dieses einfache leben, die herausforderung dabei zu lieben. mit dem bauch auf der erde liegen, gras riechen, insekten auf nackten beinen spüren, mit lieben freunden von tag zu tag unbefangener und vertrauter, ehrlicher und zärtlicher sein, sie aufblühen sehen, die kinder auch, strahlend und wach, oder auch die tiefste traurigkeit entdeckend. dharmalehrer, die ihre weisheit den kindern abgucken, kinder, deren spiel und freude in der natur die stärkste resonanz findet. brombeeren sammeln, barfuss gehen, sich mit steinen und winden vertraut machen und die seelen der bäume kennenlernen...
12 June
über somerset und totnes in devon nach brighton
interview lief gut, jetzt heisst es warten, bis alle unterlagen bearbeitet sind und dann kann es losgehen. ich fahre viel umher, bin mal hier ein paar tage, mal dort. seit totnes mit benoit zusammen, heute sind wir in brighton angekommen. übermorgen fliegt benoit nach quebec und was ich dann mache, weiss ich noch nicht...
09 June
London
es regnet, regnet und regnet. der himmel ist grau, es ist kalt und trotzdem ziehen sich die londoner an als wäre es warm und sonnig.
ich war zwei tage mit laura, noam und paul zusammen. jetzt habe ich schon gepackt, mich schick gemacht und alle unterlagen in ordnung gebracht. morgen gehts mit dem zug nach bath und dann dem bus nach holcombe, wo ich am nachmittag zum interview verabredet bin. das geldverdienleben kommt näher und ich weiss nicht so recht, ob ich glücklicher wäre, wenn sie mich nehmen oder wenn sie mich nicht nehmen...
london ist schon ganz vertraut, die ecke hier, new cross, lewisham, deptford kenne ich nun ein bisschen, den rest gar nicht. es ist unglaublich laut, sirenen den ganzen tag, und anonym, obwohl mich alle leute bei jeder gelegenheit darling, love oder honey nennen. es ist bunt und aufregend, aber anstrengend, ich könnte hier nicht lange leben.
03 May
der beginn der schweinegrippe...
02 May
longo mai in basel
ich bin in basel, und arbeite wie letzten herbst am hinterhaus der zentrale der kooperative longo mai. es ist fast fertig, noch ein bisschen feinschleifen, grundieren, lasieren, schrauben, bohren, wachsen, spachteln...
viele interessante diskussionen bis in den frühen morgen, über die welt, über eine neue gesellschaft, veränderungen... hier liegt es in der luft.
longo mai besteht seit 35 jahren. angefangen mit linken protesten haben sie den städten in der schweiz damals den deal vorgeschlagen, dass sie den weggang der leute von longo mai nach frankreich auf das land finanziell unterstützen sollten, da sie ja jetzt die teuren einsätze der wasserwerfer nicht mehr brauchen.
hannes hat erzählt, dass es einmal eine volksabstimmung in der schweiz gab, ob man das militär abschaffen sollte. immerhin 35 prozent der leute haben dafür gestimmt. (ich fand das wenig, er fand es viel). jedenfalls hatte er die idee, das militär, das ja sowieso nur zur verteidigung des staates da ist und das, falls die schweiz jemals angegriffen würde, sowieso eine niederlage erleidet, abzuschaffen und das dadurch ersparte geld für kostenlose sportprogramme einzusetzen. klettern, fallschirmspringen.... die angesagtesten neuen sportarten, um das volk so richtig fit zu halten. und dann, wenn der feind das land übernimmt, wären all die sportlichen menschen durchaus in der lage, ihm das leben schwer zu machen.
in den verschiedenen kooperativen in frankreich, der schweiz, deutschland und südamerika passiert viel. biologische landwirtschaft, tierzucht, holz und wollverarbeitung, lokales radio, politische aktionen zu den themen asyl (sie schaffen es immerwieder, ungerechte abschiebungen längst hier heimatlicher menschen aus anderen ländern abzuwenden in mühseliger jahrelanger arbeit) und saatgut (durch initiativen wie die longo mais wird die artenvielfalt bewahrt und den monopolbestrebungen der konzerne auf dem (ja wirklich- es gibt ihn) "saatgutmarkt" etwas entgegengehalten ), in verschiedenen ländern unterstützen sie sich neubildende projekte, solidarische formen des zusammenlebens und arbeitens, vorallem in randgebieten und krisenzonen. sie bilden jugendliche aus, schaffen netzwerke der regionalen zusammenarbeit und selbsthilfe.
und nicht nur hier am grossen tisch in der küche, auch gestern am ersten mai bei einem strassenfest hier in basel hörte ich menschen reden über die frage, was kommt nach dem kapitalismus?